Korea und die Friedensarbeit aus einer tansanischen Perspektive

Die Diskussion in Deutschland, ob man den Flüchtlingen helfen sollte, finde ich komisch. Wenn bei uns jemand kommt, dann hilft man dem einfach.

Vom 3. bis 6. Dezember fand im Martin-Niemöller-Haus in Arnoldshain bei Frankfurt eine internationale Konferenz zu Frieden und Wiedervereinigung auf der Koreanischen Halbinsel statt, die sich als Teil des Pilgerwegs der Gerechtigkeit und des Friedens des Ökumenischen Rates der Kirchen versteht.

Dort haben wir Frank Daffa zu seinen Erfahrungen befragt. Er arbeitet zur Zeit als Praktikant bei der Ev. Mission in Solidarität und half als Steward bei der Konferenz. Sonst ist er in der Abteilung Mission und Partnerschaft – Fachbereich interkulturelle Bildungsarbeit. Er studiert Missionswissenschaft und internationale Diakonie im 5. Semester an der Fachhochschule für Interkulturelle Theologie Hermannsburg.Frank Daffa

MEET: Warst du am Thema Korea und Wiedervereinigung schon interessiert bevor du zu dieser Konferenz gekomment bist?

Frank: Also das kann ich nicht so genau sagen, aber ich habe schon mal etwas über Korea gehört und wie die Situation so ist. Ich fand es auf jeden Fall sehr interessant hier auf der Tagung und hatte schon einmal einen Film gesehen über einen Koreaner, der in den USA lebt. Er wurde gefragt, ob er aus Nord oder Südkorea kommt und sagte, dass er aus dem Süden sei, Nordkorea hätte er ja nicht verlassen können. Doch hier bei der Tagung habe ich gelernt, dass Nordkoreaner eingeladen waren und dass es also theoretisch möglich ist für Nordkoreaner in andere Länder zu reisen. Das finde ich schon interessant.

M: Glaubst du, dass dich das Thema jetzt für ein paar Wochen begleitet und du es dann aber wieder vergisst? Oder was meinst du was diese Erfahrung jetzt mit dir macht?

F: Also ich überlege gerade zum Beispiel, was ich in der Zukunft machen will. Friedens- und Konfliktforschung wäre ein Thema, an dem ich interessiert bin. Jetzt habe ich schon mal einen guten Überblick, was für Friedensarbeit wichtig ist. Ich kann aber noch nicht genau sagen, ob ich das auf jeden Fall studieren werde.

M: Ist Friedens- und Konfliktforschung für dich auch in Tanzania wichtig? Gibt es da Konflikte?

F: Keinen großen Konflikt, aber kleine Streitigkeiten. Es gibt 300 verschieden Sprachen und die Regierung versucht, die Völker zusammen zu halten. Es gibt viele Menschen von verschiedenen Kulturkreisen. Ich möchte etwas zu solchen Gesprächen beitragen, so wie es auch in Korea versucht wird. Stigmata und anderes sind Probleme und die Frage ist, wie man zusammen kommt.

M: Tanzania, wie viele andere afrikanische Länder, entstand ja auch aus einer Aufteilung, die von den Europäern gemacht wurde. Gibt es dort auch Unabhängigkeitsbewegungen, die sich von dem Nationalstaat abtrennen wollen?

F: Es gab bei uns traditionell “chiefdoms”. Die tribes hatten ihren eigenen chief. Seit dieses System unterbrochen ist, gibt es schon ziemlich viele Freiheiten für Menschen von verschiedenen chiefdoms. Man kann untereinander zum Beispiel heiraten. Also solche Bewegungen gibt es eigentlich nicht.

M: Gibt es viele interreligiöse Ehen? Und gibt es Angst auf Seiten der Christen, dass die Familie muslimisch wird zum Beispiel?

F: Das kann auf beiden Seiten passieren. Nicht nur für Christen, auch Muslime können das fürchten. Es gibt da keine klaren Regeln.

M: Was ist mit den Gebieten um Tanzania herum? Da gibt es doch viel mehr Konflikte? Hört man sowas in den Nachrichten? Was macht das mit dir?

F: Es gibt viele Flüchtlinge aus Burundi und Somalia. In Kenia gibt es einen Bürgerkrieg und da gab es auch viele Leute, die nach Tanzania kamen. Dadurch trifft man Leute mit anderen Sprachen und Dialekten. Man kann sich aber auch ohne Englisch oft unterhalten. Es gibt natürlich viele Unterschiede in der Kultur. Aber das ist zum Teil auch normal innerhalb der tansanischen Bevölkerung. In meiner Familie sind zum Beispiel alle von anderen Stämmen. Das ist interessant, wie das dann läuft. Einer muss dann zum Beispiel die Sprache des anderen lernen. Natürlich ist das nicht immer einfach.

M: Was passiert mit Flüchtlingen zum Beispiel aus Burundi?

F: Sie haben einen Flüchtlingsstatus. Manche gehen zurück und manche wollten bleiben. Die leben teilweise seid einigen Generationen in Tanzania.

M: Gibt es viele Vorurteile vor solchen Leuten aus anderen Ländern?

F: Also das hab ich eigentlich noch nie erlebt. Es gibt viele kleine Gruppen. Es wird nicht so sehr unterschieden in »ihr seid aus unserem Land« oder »ihr seid Ausländer«. Es gibt schon Leute, die Angst haben ihre Kutur zu verlieren und sie wollen zum Beispiel nicht so viel Kontakt mit anderen Leuten haben.

M: Hast du hier auf der Konferenz etwas gelernt, was du mit deinem Kontext vergleichen kannst oder was dir für die Konfliktbearbeitungen in Tanzania helfen kann?

F: Ich fand es interessant in Deutschland zu sehen, dass es so eine große Diskussion darüber gibt, ob man jemandem aus einem anderen Land, einem Flüchtling zum Beispiel, hilft oder nicht. Viele Menschen sprechen darüber ihren eigenen “Flüchtling” zu haben. In Tanzania ist das etwas ganz normales. Wenn da jemand kommt, dann hilft man dem einfach. Man diskutiert meistens nicht. Man versucht einfach mit den Leuten weiter zu leben. Aber ich verstehe auch, dass die Situation in Nord- und Südkorea sehr viel sensibler ist. Es gibt so eine lange Geschichte der Trennung. Es gibt viele Verletzungen von Menschenrechten und Gefühlen. Trennungen von Verwandten, die gezwungen sind getrennt voneinander zu leben. Es ist politisch gesehen schon schwieriger. Das ist mit Tanzania schon wegen des Kulturunterschiedes eigentich nicht zu vergleichen. Denn Nord- und Südkoreaner leben in verschiedenen Welten, da sich der Süden schon so viel entwickelt hat.

M: Gibt es etwas, das du den Koreanern wünschen würdest, jetzt wo du mehr über die politischen Konflikte gelernt hast?

F: Also, es war eine sehr gute Konferenz bis jetzt. Es gab viele gute Beispiele. Erich Weingärtner zum Beispiel hat betont, dass es immer noch Möglichkeiten gibt, die man benutzen kann. Der Prozess muss am Leben erhalten werden. Man muss weiter Kontakte schaffen. Ich finde, dass es wichtig ist, seine eigenen inneren Wunden erstmal zu heilen. Die Herzen sind verletzt und das schon seid 70 Jahren. Ich habe zum Beispiel gehört, dass Flüchtlinge aus Nordkorea in Südkorea ein schweres Leben haben. Daher denke ich, muss es einen neuen Ansatz geben. Koreaner müssen über ihre Verletzungen hinwegsehen, um sich gegenseitig zu begegnen wie Geschwister, die sich aus den Augen verloren haben. Das ist ein langer Prozess und eine lange Entwicklung.